Die Heldenreise Mobbing

Wer liebt sie nicht, die wahrhaft großen und dramatischen Geschichten, in denen totgeglaubte Figuren sich durch schwere Krisen kämpfen, sich allerhand weiteren Widrigkeiten stellen und schlussendlich, nachdem eigentlich alles verloren zu sein scheint, als Held emporsteigen?

Seien es die Superhelden von Marvel oder der weltweite Kassenschlager Game of Thrones. Sie bedienen sich alle dem für uns so fesselndem Konzept der Heldenreise. Der Grund dürfte darin bestehen, dass wir insgeheim selbst gern Helden wären. Bei den Krisen der Helden können wir mitfühlen. Ihre Superkräfte verleiten uns zu Sehnsucht und Träumereien:

Ach wie schöne wäre es doch, wenn wir solche Superkräfte auch hätten.

Die Heldenreise in der Realität

Die Superhelden in den Filmen mag man als reine Fiktion abtun. Mit Religion ist es da (bei vielen Leuten) schon etwas anders bestellt. Eine der größten Heldenreisen überhaupt ist die Geschichte von Jesus. Der musste ebenfalls zahlreichen Widrigkeiten stellen, er hatte göttliche Kräfte, einen ziemlich guten Mentor und hat das Wunder vollbracht, nach seinem Tod zurück zu kehren... quasi wie Phoenix aus der Asche.

Um echte Superhelden zu finden, braucht man in der Geschichte gar nicht so weit zurück zu gehen. In Südafrika gab es jemanden, der u.a. für seine Werte 27 Jahre im Gefängnis verbracht hat und danach das Wunder vollbracht hat, Präsident zu werden. Dann gab es da auch diesen einen Rechtsanwalt, dem es gelang, mit seinen gewaltlosen Superköften einen ganzen Subkontinent von der Kolonialherrschaft des britischen Empires zu befreien...

Die Rede ist von Mendela und Ghandi...

Natürlich sind die wenigsten von uns Menschen, die einen derartigen Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aber... wie steht es um all diejenigen, die nach jahrelangem Kampf den Krebs bekämpfen, über das Mittelmeer für eine besser Zukunft flüchten oder dem Mann ohne Hände und Füße, der es bis auf den Kilimandscharo geschafft hat? Die Beispiele kann ich natürlich immer kleiner fassen.

Die Frage ist letztlich: Sind wir nicht alle auf unserer eigenen Heldenreise?

Der Ablauf der Heldenreise

Allen oben genannten Geschichten, sei es aus Film, Religion oder aus dem wahren Leben laufen im Prinzip alle nach dem folgendem Heldenreise-Schema ab:

  1. gewohnte Welt
  2. Ruf zum Abenteuer
  3. Verweigerung des Rufs
  4. Begegnung mit dem Mentor
  5. Überschreitung der ersten Schwierigkeit
  6. Bewährungsprobe, Verbündete, Feinde
  7. Vordringen in die tiefste Höhle – das große Ganze erkennen
  8. Entscheidungskampf
  9. Belohnung und Ergreifen des Schwertes
  10. Rückweg
  11. Erneuerung – Verwandlung – die endgültige Veränderung
  12. Rückkehr mit dem Elixier

Eine Übertragung der Heldenreise auf erlebtes Mobbing am Arbeitsplatz erfolgt in wenigen Absätzen.

Das entscheidende bei diesem Ablauf ist, dass er nicht strikt linear erfolgt. Also nicht nach dem Schema: Held hat ein Problem, er kämpft ein bisschen und bekommt ein paar Blessuren und ist danach unbesiegbar. Nein, bei der Heldenreise gibt es Reifeprüfungen und Rückschläge.

Obwohl bei jedem Action-Film klar ist, dass das Gute am Ende siegen wird, steigert das auf und ab die Spannung. Gute Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass der Held derart heftige Rückschläge erleidet, dass wir an seinen Sieg gar nicht mehr recht glauben wollen.

Und genau da sind wir an dem Punkt, der eine Verbindung zu unserem eigenem Leben herstellt. Denn wir selbst sind uns unserer Stärken und Problemlösungkompetenzen sowie der Hilfe, die wir von Außen bekommen können im Moment der Krise gar nicht bewusst. Wenn wir mitten im Sumpf stecken, dann ist unsere Lage genau so aussichtslos, wie die des bewunderten Superheldens.

Übertragung der Heldenreise auf Mobbing am Arbeitsplatz

Das schöne an der Heldenreise ist, dass sie immer gut ausgeht. Am Ende siegt eben das Gute(auch wenn man es nicht glauben mag). Allein der Glaube daran, dass wir uns alle ebenfalls auf einer Heldenreise befinden, kann damit sehr stärkend sein.

Hinzu kommt, dass das auf und ab im Verlauf der Heldenreise zeigt, dass Krisen eben nicht wie eine Lampe einfach ausgeschaltet werden können, sondern ein Prozess durchschritten werden muss. Auch diese Erkenntnis kann Gold wert sein. Denn, wer zu früh an seinen Erfolg glaubt und gar nicht weiß, was möglicherweise noch alles auf ihn zukommen wird, kann zum Vorschnellen Aufgeben neigen.

Nun aber zu den Stufen der Heldenreise Mobbing...

1. gewohnte Welt

Die ausgangslage ist die normale Umwelt. Man befindet sich an einem vertrauten Platz, an dem man sich zurecht findet und dessen Regeln man kennt.

2. Ruf zum Abenteuer

Übertragen auf Mobbing mag das schon fast sarkastisch klingen. Gemeint ist hier, die Anbahnung einer Krise, die sich der Held stellen muss (er kommt nicht drum herum). Mit anderen Worten, dass Mobbing beginnt und wird von sich aus nicht aufhören.

3. Verweigerung des Rufs

Der Held will sich dem Abenteuer nicht stellen. Anders formuliert, wir akzeptieren unsere Krise nicht und versuchen sie auszublenden. Bei Mobbing kommt noch hinzu, dass es oftmals sehr subtil erfolgt. Wir wollen nicht wahrhaben, was mit uns geschieht und meinen, Gespenster zu sehen.

4. Begegnung mit dem Mentor

Dieser Punkt der Heldenreise ist auf Mobbing nicht so ohne weiteres zu übertragen. Mentoren können hier alle Personen sein, die wir bei unserem Problem um Rat bitten. Es können aber auch enge Freunde / Familie sein, die uns liebevoll und wohlwollend auf unsere Krise aufmerksam machen und uns beim Ausweg begleiten wollen.

5. Überschreiten der ersten Schwierigkeiten

In dieser Stufe geht es darum, das Mobbing zu melden (Chef, Betriebsrat, Rechtsanwalt). Die Meldung an sich stellt nicht das Problem dar, sondern die erforderlichen Beweise. Mobbingvorwürfe sind schwere Anschuldigungen dar. Diese werden in Betrieben, in denen Mobbing ernst genommen wird, mit aller Schärfe verfolgt. Es gilt dabei natürlich auch, falsche Mobbingvorwürfe abzuwenden. Es bleibt dadurch nicht aus, dass auch aufgrund des erfahrenen Leids die Beweisführung eine extreme Belastung bedeuten kann.

6. Bewährungsprobe, Verbündete, Feinde

Ist der Mobbingvorwurf erst einmal ausgesprochen, fangen die Mühlen an zu mahlen. Es ist davon auszugehen, dass der Mobber sich natürlich bestmöglich versucht zu verteidigen. Möglicherweise spinnt er Intrigen oder baut sich ein unterstützendes Netzwerk auf. Da in vielen Betrieben eine Atmosphäre von Angst herrscht, wird das Mobbingopfer es schwer haben, seine Verteidigungslinien aufzubauen. Obwohl es möglicherweise mehrere Zeugen gibt, wird es mitunter schwer sein, diese auch zu einer Aussage zu bewegen.

7. Vordringen in die tiefste Höhle - das große Ganze erkennen

In fürsorglichen und verantwortungsbewussten Unternehmen sollte es gar nicht erst zu Mobbing kommen. Führungskräfte würden entsprechend geschult und die Mannschaft hätte kein Problem damit, erste Anzeichen von Mobbing zu melden. Tritt dennoch schweres Mobbing auf, ist etwas im Unternehmen faul.

Bei der Aufarbeitung von Mobbing Fällen kann mitunter herauskommen, dass hinter dem Mobbing eventuelle eine gewisse Systematik oder ein starkes Netzwerk / Seilschaften stecken. In diesem Zusammenhang ist es auch möglich, dass Hilfe durch den Chef versagt bleibt, weil dieser gegenüber der mobbenden Partei bzw. dessen Netzwerk in einer Verpflichtung steht. Das Wort Seilschaften habe ich nicht von ungefähr gewählt...

Bei Bossing ist davon auszugehen, dass die Kreise größer sind. Ein mobbender Chef hat in der Regel volle Rückendeckung von den Etagen über ihm. Man kann nicht wissen, was er dort erzählt hat, welches Bild er über das Mobbingopfer verbreitet hat und welche Glaubwürdigkeit er dort genießt. In der Regel ist jedoch davon auszugehen, dass hierarchisch höher stehenden Personen immer eine größere Glaubwürdigkeit zuteil wird als den Personen unter ihnen.

8. Der Entscheidungskampf

Früher oder später werden aus einer Mobbinganzeige Konsequenzen gezogen werden müssen. Verfolgt der Arbeitgeber den Fall nicht, sollte man unbedingt einen Rechtsanwalt einschalten. Der Fall landet dann mitunter vor Gericht. Dort wird früher oder später eine für alle Parteien bindende Entscheidung getroffen werden.

Innerbetriebliche Lösungen sind ebenfalls denkbar. Diese können in Versetzungen (Mobber oder Gemobbte) bis hin zur Entlassung des Mobbers bestehen. Bei schwerwiegendem Mobbing hingegen sind das bloße aussprechen von Abmahnungen höchstwahrscheinlich keine finale Entscheidung.

9. Belohnung und Ergreifen des Schwerts

Mit einer wirklichen Belohnung kann der Gemobbte wohl nicht rechnen. Wenn er Glück hat, bekommt er seinen entstandenen Schaden (falls man diesen überhaupt monetär ausdrücken kann) erstattet. Aber... die Befreiung aus dem Mobbing kann je nach Schwere der erfahrenen Schikanen wie eine neue Geburt wirken.

10. Rückweg

Der Rückweg als ein Zurückkehren in die alte Position / Umfeld ist für Mobbingopfer nahezu ausgeschlossen. Dieser Teil der Heldenreise ist auf Mobbing nur insofern übertragbar, dass ein erfolgreich bewältigtes Mobbing wieder in einen ähnlichen Tätigkeitsbereich führt, den man dann mindestens genauso gut erfüllen kann, wie vor dem Mobbing.

11. Erneuerung - Verwandlung - die endgültigere Veränderung

Mobbing ist ein Stich in die Seele. Die Wunde wird verheilen, aber es bleiben Narben zurück. Nach erfahrenem Mobbing ist man nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Das heißt nicht etwa, das man auf Dauer geschwächt sein muss. Ganz im Gegenteil, man kann aus Mobbing durchaus sehr gestärkt hervorgehen (frei nach dem Motto: Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter).

In den meisten Fällen kann man jedoch davon ausgehen, dass ein einstiges Mobbingopfer mit mehr Demut, stärkerer Anerkennung bis hin zur Verteidigung der menschlichen Würde und einem stärkerem Zusammengehörigkeitsgefühl gesegnet sein wird.

12. Rückkehr zum Elexier

Darunter verstehe ich, dass man als ehemaliges Mobbingopfer die jedem innewohnende Kraft endlich erkennt und darauf zu vertrauen gelernt hat. Das Elexier in diesem Sinne ist der jedem innewohnende göttliche Funke.

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