Erfahrungsbericht als Mobbingopfer

Bevor ich auf die eigentlichen Mobbinghandlungen eingehe, werde ich zunächst die Ausgangssituation und das Umfeld beschreiben. Wenn ich meine Studentenjobs noch dazu zähle, war ich bei über 10 Arbeitgebern beschäftigt. Dadurch habe ich die unterschiedlichsten Unternehmenskulturen kennengelernt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kultur und Werte eine Unternehmens einen maßgeblichen Einfluss auf das Potenzial für Mobbing haben.

Ausgangslage - Unternehmen und Abteilung

Nachdem ich mir eine einjährige Auszeit gegönnt hatte, wollte ich mich in der Berufswelt wieder unter Beweis stellen. Die Wahl fiel auf einen sehr dynamisches und stark wachsendes Unternehmen. Die Einkaufsabteilung sollte hier inklusive einer Systemeinführung modernisiert werden. Für das zerrüttete Team wurde eine neue Führung gesucht. Die Herausforderung nahm ich an.

Nach ca. 2 Jahren Aufbauarbeit stand meine Abteilung wie ein Fels da. Das Team war gut eingespielt und harmonierte. Zu meinen Mitarbeiter hatte ich ein vertrauensvolles Verhältnis. Mit anderen Worten, die Dinge liefen wunderbar.

Bereits nach 1,5 Jahren wechselt mein Chef. Da er im Hintergrund weiterhin für mich da war, nahm ich den Wechsel gelassen. Jedoch wunderte ich mich zunehmens welches Kommen und Gehen es insgesamt in der Firma gab. Erstaunlich war auch, wie plötzlich der eine oder andere Abteilungsleiter gehen musste. Gründe wurden nur selten genannt, oder in Erfahrung gebracht werden. Die Leute waren einfach schlagartig weg.

Dieses Phänomenen schien zunächst nur in weit entfernten Bereichen zu existieren. Zug um Zug stellte ich fest, wie diese Welle auch in meinen Organisationsbereich Einzug erhielt. Meine Chefs wechselten auf einmal im Schnitt alle 8 Monate. Jedesmal wurde die Stelle durch einen unternehmensexternen neu besetzt. Es war aufreibend. Da meine Abteilung weitere Fahrt aufnahm und Rekordergebnisse erzielte, machte ich mir keine Sorgen.

In meinem vierten Beschäftigungsjahr kam dann Chef Nummer 5…

Das aktuelle Projekt war in einer heißen Phase. Die Probleme kannte ich aus vorigen Projekten. Diese dieses jedesmal erfolgreich gelöst und wusste auch nun, was zu tun ist. Allerdings stand ich mit meiner Sichtweise und Erfahrungen allein da. Egal, welche weiteren Lösungsverschläge ich hatte, mein neuer Chef war gegen alles.

Er trieb mich konsequent in die Enge. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich bei den erlebten Absurditäten auch nicht mehr weiter wusste. Daher fragte ich ihn, ob er mir jegliche Kompetenz absprechen möchte. Er bejahte dies und meinte, dass ich mit sofortiger Wirkung freigestellt bin. Butz!!! So schnell kann es also gehen. Alle meine Erfolge und Betriebszugehörigkeit zählten schlagartig nichts mehr. Es war so, als würde eine Seifenblase, die ich Realtität nannte, zerplatzen.

Freistellung, Beginn der Isolation und des Mobbings

Geschockt und in völligem Unglauben an das gerade Geschehen ging ich zurück an Arbeitsplatz im Großraumbüro. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Auch dachte ich, dass alles nicht so schlimm ist und ich damit schon irgendwie klar kommen werden.

20 Minuten später bekam ich die schriftliche Bestätigung meiner Freistellung per Mail. Ich packte meine Sachen und wollte das Büro verlassen. Zu meinem Erstaunen, war ich nicht in der Lage, ein paar Worte zum Abschied oder eine Erklärung gegenüber meinem Team abzugeben. Da war einfach nur eine tiefe Leere in mir.

Am nächsten Tag wollte ich im Supermarkt ein Brot kaufen. Auch nach 10 Minuten vor dem Regal Stehen, konnte ich micht nicht für ein Brot entscheiden. Die einfachsten Dinge funktionierten auf einmal nicht mehr. Mir war klar, ich brauchte Hilfe.

Am nächsten Tag ging ich zum Arzt und ohne große Worte für 2 Wochen krankgeschrieben. Die Ärztin wusste offensichtlich nur zu gut, wie es mir wirklich geht. Sie riet mir dringend zu Beruhigungsmitteln. Davor hatte ich irgendwie Angst und hielt meine Lage für nicht so schlimm, dass ich die wirklich nehmen sollte. Mit dem Vorschlag eines homöopathischen Beruhigungsmittels konnte ich mich jedoch anfreunden.

In den darauffolgenden Wochen stabilisierte sich mein Zustand wieder. Damit konnte es in die nächsten Runden gehen. Und ich hatte so keinerlei Vorstellung davon, was noch auf mich zukommen würde.

Versetzung und zermürbende Maßnahmen

Auch wenn meine Freistellung mir Abstand zum Geschehenen verschaffte, führte sie mich doch zunächst in die Isolation. Darüber habe ich mich sehr gewundert. Denn sein Geld ohne Arbeit auch so zu bekommen, stellte ich mir gar nicht so übel vor. Es hat wohl seinen Grund, warum in der Rechtsprechung eine einseitige verfügte Freistellung als schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung eingestuft wird.

All die sozialen Kontakte die ich auf der Arbeit jeden Tag hatte, waren auf einmal nicht mehr da. Der Normalbürger geht arbeiten. Ich hatte den ganzen Tag frei und wusste mit meiner Zeit erst einmal nichts anzufangen. Ohne Arbeit bzw. Beschäftigung ist man erst einmal Außenseiter.

Meine Anwälting machte meinen Beschäftigungsanspruch geltend und sorgte dafür, dass ich wieder für meine Firma arbeiten durfte. Natürlich wollte mein neuer Chef mich nicht mehr bei sich sehen. Nachdem er mich freigestellt hatte, teilte er der Mannschaft seinen Trennungswunsch von mir mit. Er hatte damit für ihn nicht revidierbare Tatsachen geschaffen.

Ich wurde an einen anderen Standort in ein sehr ruhiges Büro versetzt. Mir wurden Aufgaben weit unter meinem Niveau zugeteilt. War ich vorher als Einkaufsleiter tätig, durfte ich nun für meine Mitarbeiter unter anderem die Rechnungsprüfung durchführen. Zusätzlich wurde mir ein Kommunikationsverbot auferlegt. Ich durfte nur noch mit Kollegen sprechen, die in direkten Zusammenhang mit meinen neuen Aufgaben standen.

Damit wurde ich recht umfangreich isoliert und quasi mundtot gemacht, von der Demütigung durch die unwürdigen Aufgaben ganz zu schweigen.

Jeder Tag und damit jeder Gang zur Arbeit wurde zur Qual. Mir war bewusst, dass man sich weitere Schikanen einfallen lassen würde, um mich fertig zu machen. Auch war mir klar, dass man auf Fehler von mir wartete. Einen Kündigungsgrund und damit eine direkt durchsetzbare Trennung von mir gab es nicht einmal im Ansatz.

Die Situation war fast unerträglich. Ich war in ständiger Alarmbereitschaft. Immer wieder aufkommende Selbstzweifel, warum gerade mir so etwas passieren musste, machten die Situation nicht besser. Durch Urlaub wollte ich ein wenig Abstand gewinnen. Dieser wurde mir nicht gewährt. Es hieß auf einmal, dass ich aus betriebsbedingten Gründen unabdingbar sei. Was sollte wohl noch alles kommen.

Meine Anwältin reichte Klage ein, dass ich wieder meiner Stellung entsprechend beschäftigt werde. Für mich war dies ein erster Lichtblick. Denn irgendwann würde eine Entscheidung getroffen werden und das Leiden hätte damit ein Ende. Allerdings hatte ich keine Vorstellung davon, wie lange man auf einen Termin bei Gericht warten muss.

Dank emotionaler Unterstützung durch Familie, Freunde und meiner Anwältin hielt ich die nächsten Monate irgendwie durch. In meiner neuen Arbeitsumgebung gelang es mir, den einen oder anderen Kontakt aufzubauen. Damit musste ich nicht auch noch allein zum Essen gehen und konnte mich zumindest in den Pausen mit ein paar Leuten unterhalten. Irgendwann hatte ich meinen Gerichtstermin und wusste, wie lange ich noch durchhalten musste. Damit ließ es sich dann trotz aller Widrigkeiten aushalten.

Das Ende - der Aufhebungsvertrag

Mir war klar, dass ich nicht in dieser Firma bleiben wollte. Das von mir Erlebte war keine Ausnahme, sondern schlichtweg integraler Bestandteil der Firmenkultur. Vor Gericht musste ich dennoch ziehen, um meine Würde ansatzweise wieder herzustellen und einen sauberen Schlussstrich zu ziehen.

Warum sollte ich mich auch einfach so aus der Firma schmeißen lassen? Dafür hatte ich einfach zuviel Herzblut und Energie in die Entwicklung meiner Abteilung gesteckt.

Da ich gute Karten hatte, konnte meine Anwältin eine gute Lösung für mich heraushandeln. Mir war es damit möglich, mit erhobenem Haupt aus der Sache zu gehen. Ein Jahr später erfuhr ich, dass der mich mobbende Chef unverrichteter Dinge aus der Firma geworfen wurde. Geholfen hat mir das zwar auch nicht, aber es war zumindest für einen Gerechtigkeitsliebenden Menschen wie mich eine gewisse Genugtuung.

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