Plötzliche Freistellung

Eine plötzliche Freistellung trifft die meisten Betroffenen wie ein völliger Schlag. Das liegt zum einen daran, dass die Verfügung der Freistellung völlig unerwartet erfolgt ist. Zum anderen sind unmittelbare und unverzüglich verhängte Freistellung in vielen Fällen ein Rechtsbruch auf der Unternehmensseite.

Und genau hier gerät das eigene Weltbild kräftig ins Wanken. Als unbescholtender Bundesbürger, der sich nichts zu Schulden kommen lassen hat und der an die Einhaltung von moralischen und ethischen Grundwerten glaubt, gerät man in Fassungslosigkeit und Ohnmacht.

Warum Unternehmen einseitige Freistellungen einsetzen:

Rechtlich zulässige Freistellungen

Mit sofortigen, einseitig verfügten Freistellungen sollen schadhaften Mitarbeiter die Möglichkeit genommen werden, (weiteren) Schaden im Unternehmen anzurichten. Typische Beispiele sind Mitarbeiter, die durch kriminelle Handlung auffällig geworden sind (z.B. Diebstahl, Sabotgage).

Einseitige Freistellungen können auch verfügt werden, wenn ein Mitarbeiter etwa durch eine ansteckende Krankheit zur Gefahr für seine Kollegen wird. Auch wenn ein Mitarbeiter durch Krankheit eine Gefahr für sich selbst ist und damit arbeitsunfähig ist, kann eine Freistellung von Unternehmensseite her erwirkt werden.

Mit solchen Freistellungen, bei denen keine Zustimmung des Freigestellten erfolgten ist, wird wohl niemand wirklich ein Problem haben. Sie sind mutmaßlich rechtmäßig verfügt, werden von der Mannschaft verstanden und auch für richtig gehalten.

Freistellung als Mobbinghandlung

Anders ist die Situation jedoch, wenn der Arbeitgeber eine plötzliche Freistellung als Mobbingmaßnahme einsetzt. Dann geht es nicht  mehr darum, Schaden vom Unternehmen abzuwenden oder etwa den Mitarbeiter zu schützen. Ganz im Gegenteil… Eine solche Maßnahme wird gezielt dazu eingesetzt, um Mitarbeiter maximal zu isolieren und psychisch fertig zu machen.

Das klingt sehr drastisch und ist es auch. Durch die Freistellung verschwindet das Mobbingopfer von der Bildfläche. Durch die plötzliche Verfügung geht die Mannschaft in der Regel davon aus, dass der Mitarbeiter etwas schlimmes verbrochen haben muss.

Die Kommunikationshoheit liegt beim Unternehmen. Es kann der Mannschaft eine Geschichte auftischen, die das Opfer in ein schlechtes Licht rückt. Der Gemobbte hat keine wirklich Chance, sich dagegen zu wehren. Die Möglichkeit zur Gegendarstellung hat das Mobbingopfer durch die Abwesenheit nicht. Des weiteren bekommt er bestensfalls durch Dritte mit, was der Mannschaft (meistens mündlich) mitgeteilt worden ist.

Dem Betroffenen wird dadurch schnell klar, dass eine Rückkehr am Arbeitsplatz eher den Charakter eines Spießrutenlaufs haben wird. Hinzu kommt, dass der Gemobbte durch den Ausschluss vom Arbeitsplatz zusätzliche eine soziale Schwächung erfährt.

Freistellung zur Isolation des Mobbingopfers

Den Großteil unserer sozialen Kontakte und Wertschätzung erhalten wir durch unsere Arbeit. Ein typsicher Angestellter verbringt von Montags bis Freitags etwas mehr als ein Drittel seiner Zeit bei seinem Arbeitgeber. Nimmt man An- und Abfahrt zur Arbeit und Schlafen noch dazu, so verbleibt unter der Woche nicht mehr viel Zeit für ein ausgeprägtes Sozialleben.

Nimmt man nun plötzlich nicht mehr am Arbeitsleben teil, entfallen die sozialen Kontakte. Auf den eigenen Freundeskreis wird man kaum zurückgreifen können, da diese in der Regel einem Beschäftigungsverhältnis nachgehen und damit zu den normalen Arbeitszeiten eben nicht zur Verfügung stehen.

Last but not least… Das Unternehmen weiß, dass man sich als Arbeitnehmer nur schlecht gegen eine einseitig und widerrechtlich erfolgte Freistellung wehren kann. Klar kann man Rechtsmittel einlegen. Durch das Kommunikationsmonopol des Arbeitgebers darf wird man für seine ursprüngliche Position bzw. Arbeitsumfeld als verbrannt gelten.

Hinzu kommt, dass das Unternehmen während der Freistellung genügend Zeit hat, Weichen für weitere Mobbingmaßnahmen zu stellen bzw. Fallen vorzubereiten.

Für ein Unternehmen ist eine einseitige Freistellung quasi die »Expressroute«, um einen unliebsamen Mitarbeiter los zu werden. Hinzu kommt, dass eine solche verwegene Maßnahme auch bei Einlegen von Rechtsmitteln am Ende günstiger ist als ein sozialverträglicher Personalabbau. Ob sich solche Spielarten für ein Unternehmen langfristig auszahlen, steht indes auf einem anderen Blatt.

Das solltest Du bei einer plötzlichen Freistellung tun:

Wenn man aus heiterem Himmel durch eine einseitig verfügte Freistellung das Unternehmen verlassen muss, ist für so ziemlich jedermann ein ziemlicher Schock. Der Schock ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Er sorgt dafür, dass wir zunächst keine Schmerzen haben und uns der bedrohlichen Situation entziehen können. Körper und Geist werden auf ein Notprogramm heruntergefahren. Es stehen im Prinzip nur noch die lebenserhatenden erhaltenden Grundfunktionen zur Verfügung.

Mit anderen Worten, während wir unter Schock stehen, können wir sind uns komplexe Denkvorgänge kaum möglich. Die Schutzfunktion des Schocks sorgt unterdessen dafür, dass wir uns unseren kritischen Lage nicht zwingend voll bewusst sind. Sprich, wir bekommen gar nicht richtig mit, wie uns geschieht, fühlen uns aber normal.

Ich kann daher nur dringend empfehlen, sich der Situation möglichst schnell zu entziehen, Hilfe zu suchen und sich mit der Heilung seiner Wunden zu beschäftigen.

Rechtlichen Beistand suchen

Auch wenn es viele juristische Ratgeber im Internet gibt, so sollte man sich unbedingt einem Profi anvertrauen. In rechtlichen Angelegenheit ist oft der Gesamtzusammenhang entscheident. Als Laie neigt man trotz der vielfältigen Informationen dazu, falsche Schlüsse zu ziehen.

Ein weiterer Vorteil eines Anwalts ist, dass dieser die Lage als Außenstehenden betrachten kann. Er kann den eigenen Fall mit zahlreichen anderen vergleichen und einem auf sachlicher Grundlage die richtigen Ratschläge geben.

Hinzu kommt, dass man beim Einlegen von Rechtsmitteln (Klagen, einstweilige Verfügungen etc.) ohnehin eine Anwalt benötigt. Je früher der Anwalt eingeschaltet ist, desto besser kennt er den Fall und desto besser die Verteidigungsmöglichkeiten.

Mit dem Einschalten eines Anwalts signalisiert man seinem Arbeitgeber zudem, dass man kein allzu einfaches Opfer ist. Auch ist man bei der Betreuung durch einen Anwalt wesentlich besser gerüstet, um auf weitere Schikanen und Demütigen richtig zu reagieren.

Abstand gewinnen und Schock verarbeiten

Sobald die arbeitsrechtliche Klärung der Freistellung an einen Anwalt übergeben ist, heißt es erst einmal »durchatmen und Abstand gewinnen«. Falls der Arbeitgeber nicht explizit eine unwiderrufliche Freistellung angeordnet hat, kann er die Freistellung auch kurzfristig widerrufen.

Damit weiß man nicht, wieviel Zeit man wirklich zum Verschnaufen hat. Zudem nagt diese Unsicherheit an einem und trägt zur weiteren Zermürbung bei. Den Weg zum Arzt sollte man dringend in Betracht ziehen.

Ein Mediziner kann wesentlich besser einschätzen, wie schlimm es einen wirklich getroffen hat und was man benötigt. Aus eigener Erfahrung kann ich nur dringend raten, dem Rat des Arztes zu folgen, selbst wenn es bedeutet, für eine gewissen Zeit Beruhigungsmittel zu nehmen.

Bei mir hat es ein paar Tage gedauert, bis ich überhaupt im Ansatz begriffen hatte, wie sehr ich neben der Spur war. Beim Einkaufen nicht in der Lage zu sein, mich für ein Brot zu entscheiden, gehörte noch zu den harmloseren Symptomen. Auf einem Supermarktplatz in Schrittgeschwindigkeit in ein Auto zu krachen, das direkt vor einem steht, war dann schon deutlicher.

Sich in solch einer schwierigen Phase krank schreiben zu lassen, ist keine Schande. Selbst, wenn man vorher immer wie eine deutsche Eiche felsenfest im Sturm stand, sollte man hier nicht den Helden spielen. Plötzliche Freistellungen sind eine sehr heftige Mobbinghandlung, die einem Stich in die Seele gleichkommen. Von der anfänglichen Tragweite ist eine einseitige Freistellung damit vergleichbar, aus der Familie ausgestoßen zu werden.

Das Seelenheil wiederherstellen

Sobald die Verschnaufspause sicher gestellt ist, sollte man erst einmal seine Seele baumeln lassen. Sorge dafür, dass es Deinem Körper und Deiner Seele gut geht. Das kann durch einfache Dinge wie lecker Essen gehen oder lange Spaziergänge erreicht werden. Auf jeden Fall solltest Du den Kontakt zu Familie und Freunden suchen. Sie wissen am besten, wie man Dich trösten kann und wie man Dich wieder aufpeppelt. Gehe der Einfachheit halber einfach davon aus, dass Dir das aus eigener Kraft nicht so einfach gelingen wird.

Möglicherweise willst oder kannst Du mir das jetzt noch nicht glauben. Achte einfach darauf, wie Dein Leben in den nächsten Tagen verläuft, wie zerbrechlich Du auf einmal geworden bist und wie sehr Du neben der Spur stehst. Manchmal braucht es ein paar Tage, bis der Schock soweit abgeklungen ist, dass man seine Lage langsam zu verstehen beginnt.

Verzichte in der ersten Woche darauf, über Deine Lage nachzudenken. Die Freistellung ist erst einmal passiert. Um die erforderlichen Maßnahmen kümmert sich Dein Anwalt. Zudem kannst Du momentan eh nichts machen, um die Situation zu ändern. Du bist ja nicht mal bei vollen Kräften.

Nutze die Zeit stattdessen, um Deine Wunden zu lecken und sie heilen zu lassen. Selbst ein Tiger verkriecht sich erst einmal in einer Höhle, wenn er angeschlagen ist. Nach einem schweren Unfall würdest Du auch nicht gleich wieder auf die Idee kommen, weiter zu machen. Stattdessen würdest Du Dich den Ärzten und Deiner Familie anvertrauen und Dir erst einmal Ruhe können. Auch wenn Dein Körper in einem solchen Mobbingfall unversehrt ist, ist Deine Seele schwer traumatisiert. Vergleiche es am besten mit einem mehrfachen Knochenbruch. Da kannst Du Dich auch erst einmal nicht bewegen.

Objektivierung der Situation - Aufarbeitung der Geschehnisse

Nachdem die Heilung eingesetzt hat, ist es an der Zeit die Situation für sich aufzuarbeiten. Damit meine ich, den Lauf der Geschehnisse für eine spätere Verteidigung festzuhalten. Ideal ist es, wenn man vor dem Verlassen der Firma noch seinen Rechner oder sonstige Unterlagen mitnehmen konnte (sollte IMMER mit einem Anwalt abgestimmt sein). Schriftliche Nachweise, warum man was und in welcher Sequenz getan hat, sind immer Gold wert.

Selbst wenn man diese Unterlagen später vielleicht nicht nutzen kann oder sie benötigt, sind sie ein wahrer Balsam für die eigene Seele. Das, was man schriftlich hat, braucht man nicht mehr anzuzweifeln. Man hat damit eine objektive und belegbare Wahrheit in den Händen.

Und die Zweifel, genauer gesagt Selbstzweifel werden kommen…

Warum Selbstzweifel automatisch kommen werden

Durch den Abstand zum gewohnten Arbeitsumfeld und der sozialen Isolation fängt man an sich komisch zu fühlen. Die neue Situation ist eigenartig und befremdlich. Früher oder später kommt jeder ins Grübeln, was wohl falsch gelaufen ist und warum es ausgerechnet einen selbst trifft und alle anderen davon verschont bleiben.

Dass sich vormals vertraute Kollegen bei einem gar nicht oder nur kaum melden, macht es nicht einfacher. In der Regel wissen die Leute nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Weniger erfahrene Kollegen folgen den Autoritäten und glauben deren Versionen ohne diese zu hinterfragen. Andere Kollegen distanzieren sich vom Opfer, weil sie damit nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Sie befürchten, dass ihnen dann die gleichen Repressalien wiederfahren zu können. Hinzu kommt, dass der Wiederstand einer einzelnen Person zum Scheitern verurteilt ist (und sich der Versuch damit nicht lohnt).

Rein intellektuell wird man relativ schnell einen Haken an die  Freistellung und den vorigen Geschehnissen machen können. Mobbing und die dadurch erfolgte Ausgrenzung hat man nicht selbst zu verantwortlichen. Hätte man tatsächlich Mist gebaut, hätte der Arbeitgeber durch Ermahnungen, Abmahnungen oder sonstigen Kurskorrekturen arbeitsrechtlich voll vertretbare Mitteln wählen können.

Selbst wenn der Verstand das Problem ad Akta gelegen haben mag, die Seele wird etwas anderes fühlen. Sie ist stark traumatisiert. Mitunter ist der Schmerz so stark, dass einem erst einmal das Vertauen in die Arbeitswelt oder gar in das Leben fehlt.

Mit der objektiven Abarbeitung schafft man sich den Raum für die Seele. Der Verstand kann ruhen, er hat seine Arbeit gemacht. Falls er sich doch nochmals zu Wort melden sollte, hilft ein Blick auf die schriftliche Ausarbeitung der Geschehnisse. Ab einem gewissen Punkt sollte selbst dem kritischten Verstand klar sein, dass eine weitere Detaillierung keinen Sinn mehr macht.

Der Situation und dem Leben einen Sinn geben

Nicht alles im Leben muss einen Sinn machen. Selbst die vom Vorgsetzten verfügte Freistellung und damit Isolation muss für sich gesehen keinen Sinn machen. Allerdings wurde damit eine Krise geschaffen und in jeder Krise liegt auch immer ein Chance.

Selbst wenn man diese Chance nicht erkennt oder sie als Strafe empfindet so ist zumindest klar, dass man sich mit seinem Seelenheil früher oder später auseinander setzen wird müssen. Natürlich kann man das auch sein lassen. Aber wer leidet schon gerne dauerhaft…?

Die heutige Arbeitswelt ist durch globalen Wettbewerb und Schnelllebigkeit gekennzeichnet. Es zählen Zahlen, Daten, Fakten und Geschwindigkeit. Das sind alles rationale Größen. In einer solchen Welt haben wir wenig Chance, uns mit unserem eigentlich gernz zu beschäftigen und ihm Gehör zu geben.

Eine Freistellung gibt zumindest erst einmal Zeit und einen gewissen Abstand von dieser Welt. Natürlich tut das Verstoßenwerden erst einmal weh. Aber wer sagt denn, dass eine kleine Auszeit, die auch noch bezahlt wird, zwingend schlecht sein muss. Der zeitliche und räumliche Abstand kann durchaus helfen, Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Die Chance zum Hineinhören, was die Seele wirklich will

Durch den fehlenden Druck aus der Arbeitswelt hat unsere innere Stimme / Intuition / unser Herz durchaus Raum einmal wieder zu Wort zu kommen und gehört zu werden. Anfangs werden wir kaum in der Lage sein, diese zarte und bisher unterdrückte Stimme zu hören. Je weniger Ablenkung wir erfahren, desto einfacher wird es uns fallen, sie zu hören.

Tja und wenn wir sie dann mal zu Wort kommen lassen, bekommen wir ein Verständnis dafür, was wir aus der Situation machen wollen.

So können wir etwa zur Einsicht kommen, dass wir bisher am falschen Platz gewesen sind und der Arbeitgeber, Branche oder Tätigkeit tief im inneren gar nicht liegen. Oder wir stellen etwa fest, dass wir uns solche dreckigen Spielarten nicht bieten lassen wollen und wir daher kämpfend für unsere Werte einstehen wollen.

Triff bewusste Entscheidungen

Für was auch immer Du Dich entscheidest, halte Deine Entscheidung schriftlich fest. Vor allem wenn Du Dich für das Kämpfen entschieden hast, notiere Deinen Exit Punkt. Der Kampf kann durchaus Sinn machen. Allerdings kann man sich bei jeder Entscheidung irren und sei es nur, dass man von falschen Voraussetzungen ausgegangen ist. Der Kampf ist solange gut, wie man die Kraft dafür hat. Allerdings sollte einen der Kampf auch nicht dauerhaft zermürben. Und… es ist bei aller Verbohrtheit für den Kampf durchaus möglich, dass man am Wegesrand schlummernde Chancen auf ein besseres Leben übersicht.

Wie auch immer Du Dich entscheidest, sorge dafür, dass Deine Zielsetzung Deinem Leben einen Sinn gibt und sie Deinem Wesen entspricht.

Du musst dabei nicht einmal etwas über das Knie brechen. Gibt den Dingen die Zeit, die sie brauchen. Völlig kopflos solltest Du natürlich auch nicht an die Dinge herangehen. Sorge einfach dafür, dass Du für ein Mindestmaß abgesichert bist. Der Rest wird dann schon kommen.

Eins ist jedoch gewiss, es kann ein durchaus langer Weg werden, bis Du das Vertrauen in das Leben wieder gefunden hast.

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