Ist das schon Mobbing?

Die Frage: Ist das schon Mobbing ist so ähnlich wie: »Habe ich eine Grippe oder nur eine schwere Erkältung«. Es geht einem schlecht und man wissen woran man ist. In beiden Fällen braucht man Erholung. Bei einer schweren Grippe ist man tatsächlich ein Fall für den Arzt. Aber normalerweise macht es keine großen Unterschied, welches von beiden Krankheitsbildern man nun hat.

Mobbing ist in Deutschland kein eigener juristischer Tatbestand (fällt in den Bereich der Belästigung). Hinzu kommt, dass für die Einstufung als Mobbing eine systematische Ausgrenzung gegeben sein muss. Es reicht daher nicht eine Einzelhandlung. Entscheidend ist die Abfolge und Umfang von einzelnen Mobbinghandlungen (siehe auch detaillierte Mobbing Definition).

Welchen Unterschied macht es, ob es schon Mobbing ist oder nicht?

In Deutschland haben Arbeitgeber eine Fürsorgespflicht gegenüber ihren Mitarbeitern. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass das Arbeitsumfeld und -aufgaben keine negativen Auswirkungen auf die Persönlichkeit (z.B. Persönlichkteitsrecht: Die Würde des Menschen ist unantastbar) und Gesundheit (körperlich und psychisch) der Beschäftigten hat.

Bei (nachweislichen) Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte und (nachweislicher) Schädigung kann das Opfer Schadenersatzansprüche und / oder Schmerzensgeld geltend machen. Dazu muss aber nicht gleich eine ganze Bandbreite an Rechtsverletzungen, wie sie beim Mobbing typischerweise gegeben ist, vorliegen. Prinzipiell genügen für das Einlegen von Rechtsmittel ein einzelner Rechtsverstoß. 

Dadurch dass man die Geschehnisse aufgrund ihres Umfangs als Mobbing einstuft bzw. benennt, hält man also nicht auf einmal eine Trumpfkarte in der Hand. Es ist eher so, dass umgangssprachlich das Wort »Mobbing« brisanter klingt als etwa »Persönlichkeitsrechtsverletzung«. Es verhält sich ein bisschen so wie: »Raider heißt jetzt Twix«.

Auch innerbetrieblich dürfte es egal sein, welchen Namen man dem Kind gibt. Ein Unternehmen, dass die Fürsorge gegenüber seinen Mitarbeitern wirklich ernst nimmt, wird sich auch um einzelne Demütigungen, Schikanen und Diffamierungen kümmern.

Mit anderen Worten, die Frage »ist das schon Mobbing?« ist eigentlich belanglos.

Bessere Fragen als »ist das schon Mobbing?«

Wenn tatsächlich schon Mobbing und damit ein systematisches Zermürben vorliegt, ist das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen. Der Prozess verfügt dann bereits über eine Eigendynamik, von der es kaum noch ein zurück gibt.

Damit will ich die Frage »ist das schon Mobbing?« nicht ad Absurdum führen. Allerdings gibt es ein paar einfache Fragen, die für Dich durchaus hilfreicher sein könnten wie etwa:

  • Werde ich anständig und würdevoll behandelt?
  • Will man mir Schaden zufügen (psychisch fertig machen, Intrigen schmieden, etc.)?
  • Sieht man mich als Teil der Gemeinschaft oder grenzt man mich aus?

Wenn auch nur einer der drei Fragenbereiche für Dich negativ behaftet sein sollte, dann solltest Du Dir schnellstmöglich Hilfe suchen (und nicht etwa erst, wenn die Dinge eskaliert sind).

Mit Hilfe suchen meine ich nicht, dass Du sofort zum Betriebsrat, Mobbingbeauftragten oder sonstigen Problemstellen laufen solltest. Anfänglich ist es besser, wenn man sich erst einmal an vertraute Kollegen wendet. Scheidet der Weg aus, dann hat man ja auch noch einen Chef. Kann man dem hierfür auch kein Vertrauen schenken, wird die Lage verzwickter. 

Bevor man sich an offizielle Stelle oder gar an den Vorgesetzten des eigenen Chefs wendet, sollte man etwas stichhaltiges in der Hand haben. Die Zauberformel heißt hier: »Wer schreibt der bleibt«. Alle Schikanen, Demütigungen, Ausgrenzungen etc. sollten in einem sogenannten Mobbingtagebuch festgehalten werden. Wichtig ist, dass Du die Geschehnisse unmittelbar schriftlich festhälst. Nach meiner Erfahrung gelingt es nach drei Tagen kaum noch, die Details korrekt zu erfassen. Damit sollte sich dann die Frage: »Ist das schon Mobbing?« recht zielsicher beantworten lassen.

Welches Mobbingpotenzial hat Dein berufliches Umfeld?

Im glücklichsten Fall haben Dir Deine Kollegen oder Dein Chef bereits weiterhelfen können und der Vorgang hat sich geklärt. Das Führen eines Mobbingtagebuchs möchte ich Dir hier trotzdem anraten. Es kann ja durchaus sein, dass erst einmal Ruhe ist oder aber es die Mobber noch eine Spur unterschwelliger und vorsichtiger probieren. Ein Tagebuch zu führen kann nie schaden. Es ist immer eine tolle Stütze für das eigene Gedächtnis.

Sollten sich die Geschehnisse zunehmend negativ entwickeln, solltest Du Dich ernsthaft fragen, wie Du damit umgehen willst und inwiefern Du Dich dagegen wirklich wehren kannst.

Natürlich sollte es im ureigensten Interesse Deines Arbeitsgebers sein, Mobbing gar keine Chance zu geben und schon die kleinsten Versuche direkt zu sanktionieren. Allerdings hat jedes Unternehmen seine eigene Kultur. In einem typischen Hire & Fire Laden wird es wohl eher kein Bewusstsein für die Frage: »ist das schon Mobbing« geben. Folgende Punkte sind Anzeichen dafür, dass bei Deinem Arbeitgeber ein Nährboden für Mobbing gegeben ist:

  • Das Unternehmen befindet sich in einem sehr umkämpften Markt und fährt eine Niedrigpreisstrategie
  • Das Unternehmen setzt sehr kruzfristige Ziele und greift bei Verfehlungen zu personellen Maßnahmen
  • Es herrscht keine offene Kommunikationskultur, Kollegen überlegen sich genau, was und wie sich mitteilen und wählen statt persönlichen Austausch eher die Schriftform 
  • Das Unternehmen legt keinen Wert auf Etablierung einer einheitlichen Führungskultur, Manager werden nicht geschult und / oder es werden Manager eingesetzt, die nur über wenig Lebenserfahrung verfügen
  • Das Durchschnittalter der Mannschaft ist auffällig niedrig
  • Die Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter ist auffällig niedrig
  • Erfolgt und Misserfolg werden verstärkt an der »Stimmung in der Mannschaft« festgemacht und nicht etwa an Zahlen, Daten und Fakten

Wie willst Du mit Mobbing umgehen?

Je mehr der obigen Punkte erfüllt sind, desto kritischer ist der Nährboden für Mobbing. Und desto schwieriger wird es sein, sich dagegen zu wehren. Damit stellt sich die Frage, wie willst Du mit einem Ja auf die Frage »Ist das schon Mobbing?« umgehen?

Sollest Du ein gesuchter Experte sein, ist die Antwort einfach. Du entscheidest Dich einfach für einen neuen Arbeitgeber und verlässt Dein destruktives Arbeitsumfeld.

Sollte das nicht der Fall sein, so bewerbe Dich spaßeshalber (ohne zu viel Anstrengung) bundesweit auf ein paar Dutzend Stellen. Jede Einladung zu einem Bewerbungsgespräch oder auch nur Rückfragen sind ein Indiz, dass man Dein Profil für brauchbar einstuft. Häufig genug stuft man seine Chancen deutlich schlechter ein, als sie tatsächlich sind. Jede Chance und sei sie noch so vage, ist Balsam für die Seele und zeigt auf, dass es Auswege gibt.

Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, mit Mobbing umzugehen. Diese sind die sogenannten 3F (fight = kämpfen, flight = flüchten, freeze = totstellen). 

Gegen Mobbing kämpfen:

Wenn man sich für den Kampf entscheidet, sollte man sich seiner Ziele / Motive bewusst sein. Für was will man eigentlich kämpfen? Wenn Du in Deinem Leben schon immer gehänselt und unterdrückt worden bist, dann kann Mobbing eine Chance des Lebens sein, sich endlich mal zu wehren.

Ein anderer Grund für das Kämpfen kann sein, dass Du Dir nichts zu Schulden kommen lassen hast, gute Arbeit geleistet hast und Deinen Job nicht aufgeben möchtest. Wenn die Vorfälle unternehmensintern nicht gekärt werden können, wirst Du Wohl oder Übel einen Rechtsanwalt einschalten müssen.  Damit ist eigentlich auch klar, dass Du auf Dauer nicht im Unternehmen bleiben wirst. Wenn das Unternehmen an einer Lösung Deiner Probleme interessiert gewesen wäre, hätte man intern eine Lösung gefunden.

Entscheidest Du Dich für das Kämpfen, solltest Du Dir auch Gedanken über die maximale Dauer des Kampfs Gedanken machen. Bist Du erst einmal im Gefecht, wirst Du Dir darüber in Ruhe keine Gedanken mehr machen können. In der Natur des Kampfes liegt es auch, dass er nicht spurlos an Dir vorbeigehen wird und Dich zusätzlich schwächen wird. Hinzukommt, dass man bei zuviel Verbohrtheit beim Kämpfen die ganzen Chancen, die einem das Leben sonst noch so bietet, gern übersieht.

Bei Mobbing totstellen, es über sich ergehen lassen

Selbst wenn man die Frage »ist das schon Mobbing« nicht mit ja beantworten kann, sollte man die Geschehnisse auf gar keinen Fall einfach so hinnehmen. Durch Wegsehen werden die Dinge nicht besser. Jede ungeklärt Demütigung oder Schikane trägt zu einer scheibchenweise Zermürbung bei. Ehe man sich versehen hat, ist das Ausmaß so groß, dass man völlig geschwächt am Boden liegt.

Schnell sieht dann die eigene Lage völlig aussichtslos und man gerät in eine Ohnmacht. Sollte dieser Punkt erreicht sein, sollte man sich schnellstmöglich dem Geschehen entziehen. Geh zum Arzt und lass Dich für ein paar Tage Abstand notfalls krankschreiben. Nutze die Zeit, um Dich ein wenig auszuruhen und Deine Lebensziele und -vorstellungen zu hinterfragen. Wende Dich an Familie und enge Freunde. Sie kennen Dich oftmals besser, als Du Dich selbst. Werde Dir Deiner Stärken und bisherigen Erfolge im Leben wieder bewusst. Was kannst Du davon nutzen, um Dein Leben auf einen für Dich besseren Kurs zu lenken?

Vom Mobbing einfach weglaufen

Warum soll man sich all das Leid antun? Warum nicht einfach das Handtuch werfen und sich der Situation einfach entziehen?

Wenn Du eine bessere Alternative hast, dann spricht pauschal nichts gegen eine Kündigung Deines Arbeitsverhältnisses. Je nach Ausmaß der Rechtsverletzungen kannst Du eine fristlose Kündigung  durchsetzen (musst Du mit Deinem Rechtsanwalt klären) und damit recht schnell eine neue Stelle antreten.

Hast Du allerdings keine Alternative in Aussicht, solltest Du nicht einfach so das Handtuch schmeißen oder Dich zu einer Auflösung Deines Beschäftigungsverhältnisses drängen oder gar erpressen lassen. Der Psychoterror hätte damit zwar ein Ende. Allerdings wird Dir damit immer bewusst sein, aus der Sache als Verlierer gegangen zu sein. Mitunter bricht diese Erkenntnis Deine Persönlichkeit. Das kann zur Folge haben, dass Du Deine ursprünglich Kraft, Stärke, Lebensfreude und positive Ausstrahlung so schnell nicht wieder zurück erlangst. Mit dieser dauerhaften Schwächung verbaust Du Dir möglicherweise die Chancen, wieder einen guten Job zu finden.

Natürlich kann man im Leben nicht immer nur gewinnen. Verlieren gehört auch dazu. Allerdings ist Mobbing kein Spiel oder Wettbewerb, an dem man als Opfer freiwillig teilnimmt. Dem Täter geht es darum, den Gemobbten notfalls auch mit perfiden Mitteln psychisch fertig zu machen. So etwas hinterlässt beim Opfer immer Spuren. Diese können soweit gehen, dass man das Vertrauen in das Leben komplett verliert.

Mit anderen Worten, wer solches Leid erfährt, muss dieses unbedingt aufarbeiten. Wer selber zu schwach zum kämpfen ist, sollte sich unbedingt Hilfe holen. Natürlich kostet ein Rechtsanwalt Geld. Aber was ist die Alternative? Was ist das eigene Leben noch wert, wenn man sich nicht wehrt und in tiefe Depressionen abrutscht?

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