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Als ich mit einem Mobbingvorwurf konfrontiert wurde

Mir ist so, als wäre es gestern gewesen. Der Tag, an dem ich mit einem Mobbingvorwurf konfrontiert wurde, ist mittlerweile 5 Jahre her. Ereignisse, mit denen man überhaupt nicht rechnet, bleiben eben besonders gut in Erinnerung.

Die Ausgangslage

Ich war seit mittlerweile 2 Jahren Abteilungsleiter in einem 8-köpfigen Einkaufsteam. Das Team betreute mehrere dutzende autonome Geschäftsbereiche in der Rolle eines Dienstleisters. Einige dieser Bereiche waren wie kleine Fürstentümer. Aufgrund ihres Erfolgs bzw. Bedeutung für das Unternehmen konnten sie eine Sonderbehandlung durchsetzen.

Es war gewiss nicht immer einfach, die unterschiedlichen Machtverhältnisse zu balancieren und mit dem täglichen Arbeitspensum in Einklang zu bringen. Allerdings war die Zusammenarbeit in meinem Team sehr gut. Es wurde viel gelacht. Die anderen Geschäftsbereiche wie vertraute Kollegen behandelt.

Manchmal landeten Beschwerden bei mir. Diese ließen sich in der Regel auch bei den schwierigeren Geschäftseinheiten relativ einfach beschwichtigen. Irgendwie arrangierten sich alle miteinander. Jedem war bewusst, dass die Branche hart umkämpft ist und dem einen oder anderen die Nerven auch mal durchgehen. Mit ein wenig Verständnis ließ sich das alles irgendwie regeln.

Kurzum es war ein Arbeitsumfeld, bei dem man auf Arbeits- und Abteilungsleiterebene gut miteinander auskam.

Der Tag, an dem ich des Mobbings beschuldigt wurde

Es war ein Tag wie jeder andere, bis mein Telefon klingelte. Es war mein Chef. Er sagt mir, dass es da eine sehr ernste Angelegenheit gäbe. Sollte sich diese bewahrheiten, so hätten wir beide nach seinen Ausführungen ein großes Problem miteinander. Er bat mich sofort in sein Büro, um die Sache zu besprechen.

Mir gingen tausende Gedanken durch den Kopf. Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was schief gelaufen sein könnte oder welches Fehlverhalten ich mir geleistet haben sollte. Auch gab es an diesem und den Tagen davor keine besonderen Vorkommnisse.

Als ich dann im Büro angekommen war, fragte mich mein Chef gleich, ob mir der Name »Frau Müller*« etwas sagen würde. Ich überlegte lange. Die Dame kannte ich. Allerdings fiel mir zunächst nichts problematisches zu dieser Person ein. Einzig an ca. sechs Wochen zuvor geführtes Telefonat konnte ich als letzten Kontakt mit Frau Müller in meinem Gedächtnis abrufen.

   Als mein Chef das Wort »Telefonat« hörte wurde er auf einmal noch ernster. Er wollte exakt wissen, was vorgefallen ist. Seine Reaktion war mir ziemlich unheimlich. Es fühlte sich so an, als würde er mir gleich einen Kündigungsgrund präsentieren.

Also erzählte ich ihm, was vorgefallen war…

Ich nahm den Anruf für einen Mitarbeiter entgegen, der gerade nicht am Platz war. Frau Müller* war sehr aufgebracht und ungehalten, weil sie dringend neues Material von einem Lieferanten benötigte. Ich teilte ihr mit, dass ich dem Mitarbeiter eine Nachricht hinterlassen werde und er sich bei Rückkehr umgehend bei ihr melden werde.

Ich fragte Frau Müller nach ihrem Vornamen, um eine Verwechslung mit all den anderen Müllern auszuschließen. Nach gefühlten 20 Sekunden hatte ich immer noch keine Antwort von ihr. Mich wunderte dies. Erst tritt sie so harsch auf und auf einmal herrscht nur noch Stille…

Im Scherze meinte ich zu ihr: »Ihren Vornamen kennen Sie aber schon noch?«

Plötzlich war sie am Telefon wieder präsent. Es folgte eine Tirade von Anschuldigungen, was ich mir einbilde und sie eine Stotterin wäre und ich sie diskriminieren würde. Sie war auf einmal wie eine nicht mehr zu bremsende Furie. Sie steigerte sich Regelrecht in eine Opferrolle hinein.

Die Welt verstand ich in dem Moment nicht mehr. Auch wusste ich nicht, was ich von all dem halten sollte. Bis zu ihrem emotionalen Ausbruch hat sie tadellos gesprochen. Ein Stottern war für mich bis dahin nicht im geringsten zu erkennen. Erst als sie sich voll in ihre Emotionen hereinsteigerte, kam ihr Handycap zum Vorschein.

Mir war klar, dass ich Frau Müller* am Telefon nicht beruhigen konnte. Über die Anschuldigungen war ich verärgert. Die wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Für mich tat ich den Fall dann damit ab, dass Frau Müller einen schlechten Tag hatte.

Daher teilte ich ihr mit, dass ich mir solche Anschuldigungen nicht gefallen lasse und das Telefonat deswegen nun beende. Danach war es still. Ganze fünf Wochen um genau zu sein…

Nachdem mein Chef meine Version der Geschehnisse gehört hatte, war er über die falschen Mobbingvorwürfe verärgert. Er hatte großes Vertrauen zu mir und wusste, dass ich ihm die Wahrheit erzähle und nichts beschönige.

Er wollte schon zum Hörer greifen und den Vorgesetzten von Frau Müller* die Leviten lesen. Davon habe ich ihn abhalten können. Zum einen war mir bewusst, dass die Lage damit weiter eskalieren würde. Zum anderen war der Fall an die AGG Stelle in meinem Bereich gerichtet worden.    Über den AGG Beauftragten hatte mein Chef erst von dem Fall erfahren.

Aufarbeitung der Anschuldigung wegen Mobbings

Meine nächste Station war der AGG Beauftragte. Er fügt eine weitere Perspektive zu der Geschichte hinzu. Er meinte, dass ich das ganze abweisen könne, dann aber ein fader Nachgeschmack bleiben würde. In ihrem Geschäftsbereich wurde Frau Müller* klar als Opfer und ich als Täter bei ihren Vorgesetzten und dem dortigen Betriebsrat eingestuft.

Grund hierfür war, dass Frau Müller* die vergangenen fünf Wochen gelitten hatte. Dies war für ihr direktes Umfeld deutlich genug sichtbar, so dass man ihr riet, nach Hilfe zu suchen. Irgendwann rang sie sich dann durch….

Ich habe lange mit mir gehadert, was ich machen soll. Der AGG Beauftragte vermittelte gut zwischen beiden Parteien und schlug mir ein vertrauliches Gespräch mit Frau Müller vor. In diesem Gespräch sollte ich mich eben bei Frau Müller entschuldigen und damit den Fall abhaken.

In mir sträubte sich vieles gegen ein solches Gespräch. In mir war eine Stimme, die sagt: »Du hast nichts falsch gemacht. Es ist das Problem von Frau Müller*, wenn sie so labil ist. Soll sie mit ihrem Mobbingvorwurf bleiben, wo der Pfeffer wächst!«

Eine andere Stimme in mir erinnerte mich an meine eigenen Kränkungen, in die ich mich hereingesteigert hatte und die mich sehr belasteten. So gesehen tat mir Frau Müller irgendwie leid, auch wenn ich den Umfang ihres Leids überhaupt nicht nachvollziehen konnte.

Das Gespräch mit dem vermeintlichen Opfer 

Nach langem Hadern fasste ich mir ans Herz und stimmte einem Gespräch mit Frau Müller* zu. So ganz traute ich dem Braten noch nicht. Daher bereitete ich mich auf jedes Wenn und Aber im Vorfeld vor.

Es kam dann völlig anders als erhofft. Für meinen Spruch »Ihren Vornamen kennen Sie aber schon noch« entschuldigte ich mich bei ihr. Ich erklärte ihr, dass ich mir der Wirkung meiner Worte nicht bewusst war. Den Spruch hatte ich locker und ohne Nachzudenken dahergesagt.

Zu meinem Erstaunen hatte sie für meine Sicht der Dinge vollstes Verständnis. Sie schien sehr froh darüber zu sein, dass ich für ihr Leid Verständnis mitgebracht habe. Statt einer angespannten Atmosphäre war die Stimmung fast wie Kaffeetrinken unter vertrauten Kollegen.

Frau Müller teilte mir mit, dass sie nur in extremen Stresssituationen ins Stottern kommt. Sie leidet Zeit ihres Lebens darunter, weil sie mit ihrem Problem von den meisten Menschen nicht ernst genommen wird. Die Leute glauben ihr einfach nicht, dass sie Stottererin ist. Ich selber habe es in dem besagten Telefonat ja auch nicht mitbekommen, von ihrer »Sprechpause« einmal abgesehen.

Wir waren wir beide über die geglückte Klärung des Vorfalls froh. Der Vorgang wurde tatsächlich in Gänze abgeschlossen. Ich hörte nie wieder etwas darüber. Auch verhielten sich ihre Vorgesetzten mir gegenüber so, als wäre nie etwas passiert. Mir lastete damit nichts nach.

Mein persönliches Fazit 

Ich hatte die Wahl, gegen den ungerechtfertigten Mobbingvorwurf in aller Schärfe vorzugehen. Mein Chef hätte mich dabei nach Kräften unterstützt. Ich bin froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und die Deeskalation gesucht habe.

Wenn ich meinen glücklich ausgegangenen Fall mit all den (persönlichen) Konflikten im Berufsleben vergleiche, wundere ich mich, warum die Leute nicht verstärkt das persönliche Gespräch miteinander suchen.

Wir sind alle nur Menschen und haben alle unsere Ecken und Kanten. Statt den vor uns stehenden Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen, vergleichen wir ihn oft nur mit unserem Weltbild, Vorstellungen, Idealen und Regeln. Dabei sind wir oft nur zu überzeugt davon, dass unsere Sichtweise die einzig richtige ist.

Nach meiner Erfahrung sind Konflikte um so schwieriger zu lösen, je weiter die Menschen von einander entfernt sind. Je räumlich näher uns wiederum Menschen sind, desto eher bekommen wir ihre guten und schlechten Tage zu sehen. Wir sehen damit den Menschen deutlicher in seiner Gesamtheit. Das wiederum hilft uns, sein Verhalten besser zu deuten. 

Statt sich gegen Mobbingvorwürfe zu wehren, kann es durchaus besser sein, das vermeintliche Opfer erst einmal zu verstehen. Natürlich kann sich dabei herausstellen, dass der Mobbingvorwurf ungerechtfertigt ist und nur als Machtspiel genutzt wird. Aber es hilft sicherlich, wenn man als vermeintlicher Täter erst einmal versucht, die Vorgänge zu verstehen.

Das Motto lautet hier: »Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!«

* Die Dame hieß nicht wirklich Frau Müller. Den Namen habe ich gewählt, um Rückschlüsse auf die richtige Person zu verhindern. 

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