Mit Resilienz gegen Mobbing?

»Resilienz lernen, Krisen besser meistern«… unter diesen Schlagwörtern hat sich um den Ansatz Resilienz in den vergangenen Jahren ein wahrer Hype entwickelt. Manch einer spricht bei Resilienz vom seelischen Immunsystem bzw. von seelischer  Widerstandsfähigkeit mittels derer man sogar gestärkt aus Krisen hervorgehen kann.

Klingt alles toll, aber...

Was ist Resilienz?

Das Wort Resilienz kommt usprünglich aus der Physik. Dort bedeutet es soviel wie »Rückprallkraft«. Gemeint is damit die Fähigkeit eines Gegenstandes nach einem Aufprall / Schlag wieder in seine ursprüngliche Form zurück zu finden (ähnlich wie ein Flummi, der sich beim Aufprall verformt und danach wieder zu seiner ursprünglichen Kugelform zurückfindet).

Auf welchen Prinzipien beruht der Resilienzansatz?

Wir Menschen sind bekanntlich keine Flummis, an denen nahezu alles apprallt, so als wäre nichts gewesen. Ganz so einfach ist dann leider doch nicht... Aber es gibt die nachfolgenden sieben Säulen der Resilienz, mit deren sich Krisen leichter meistern lassen sollen.

Säule 1: Optimismus

Hierunter wird die Fähigkeit verstanden, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken und fest an einen guten Ausgang der Dinge zu glauben. Optimisten sind sich sicher, dass sie die Kraft haben, ihre Probleme zu meistern.

Säule 2: Akzeptanz der aktuellen Situation

Damit ist gemeint, dass man den Tatsachen ins Auge sieht und die Lage so annimmt, wie sie gerade ist. Annehmen bedeutet hier jedoch nicht, dass man sich etwa mit dem Ist-Zustand abfindet. Akzeptanz zielt darauf ab, der Realität ins Auge zusehen. Mit anderen Worten... das Problem nüchtern zu erfassen und es möglichst objektiv als Grundlage aller weiteren Maßnahmen zu analysieren.

Säule 3: Lösungsorientierung

Nachdem die Lage erfasst ist, geht es nun darum, nach Lösungswegen zu suchen und diese zu definieren.

Säule 4: Verlassen der Opferrolle

Wer sich noch Opfer sieht, gibt anderen die Schuld für seine Lage. Damit ist meistens auch der Ansatz verbunden, dass man auf Hilfe von außen hofft bzw. diese erwartet und sich damit in der Passivität befindet. Um jedoch tatsächlich voranzukommen, ist ein Verlassen der Opferrolle und ein aktives beschreiten von Lösungsansätzen erforderlich.

Säule 5: Eigenverantwortung

In dieser Säule geht es darum, sich Ziele für die Problembewältigung zu stecken und diese konsequent zu verfolgen. Mit der Übernahme der Eigenverantwortung soll ein Zurückrutschen in die Passivität verhindert werden.

Säule 6: Netzwerkorientierung

Hierbei geht es um die Fähigkeit, menschliche Beziehungen und sich ein soziales Netzwerk aufzubauen. Diese ist vor allem in Notlagen als unterstützende Kompenente und Rückhalt (insbesondere durch Familie und enge Freunde) sehr wichtig.

Säule 7: Zukunftsplanung

Resiliente Menschen gehen auf ihre Zukunft aktiv, umsichtig und vorbereitet zu. Sie überlegen sich rechtzeitig Alternativen und bereiten sich rechtzeitig auf absehbare Probleme vor.

Menschen, die über diese sieben Säulen der inneren Stärke verfügen, können ihre Krisen nach dem folgenden Schema lösen:

  • Akzeptanz der veränderten Realität (d.h. das Vorhandensein der Krise nüchtern anerkennen)
  • Ausbalancieren der Auswegen / Lösungsmöglichkeiten und Anpassung an die neuen Umstände
  • Lernen aus dem Vergangenem
  • Weitermachen

Sind die Prinzipien der Resilienz tatsächlich auf Mobbing anwendbar?

Die Frage deutet bereits an, dass der Resilienz-Ansatz bei Mobbing wohl nicht ohne Einschränkungen anwendbar ist. Zum besseren Verständnis daher hier nochmals die Definition von Mobbing:

Mobbing verfolgt das Ziel, eine unliebsame Person auszugrenzen und sie zu zerstören.

Eine durch Mobbing stark geschwächte Person dürfte in der Regel kaum noch in der Lage sein, Optimismus zu entwickeln und seine Opferrolle einfach so hinter sich zu lassen. Stattdessen sind Mobbingopfer oftmals in starken Selbstzweifeln gefangen und können am Boden liegend kaum noch klare Gedanken fassen.

Damit fallen fast alle oben genannte Säulen, über die resiliente Personen verfügen, für ein Mobbingopfer weg. Weiterhin möglich sind jedoch das Erfassen der Situation mittels Mobbingtagebuch und die Unterstützung durch sein soziales Netzwerk.

Insbesondere in schweren Fällen ist der Rückhalt und Geborgenheit durch die eigene Familie und enge Freunde die einzige verbleibende Resilienz-Säule, die einem Mobbingopfer bleibt. Aber... es ist auch die mit weitem Abstand kraftvollste Säule.

Damit will ich die Resilienz-Prinzipien bei Mobbing nicht gänzlich abtun. Insbesondere Säule 2, d.h. die möglichste objektive Erfassung der eigenen Situation ist beim Erkennen von Mobbing Gold wert. Wer in der Lage ist Mobbing bereits in den Anfängen zu erkennen, hat die besten Chancen, noch möglichst unbeschadet herauszukommen.

Eines der Kernprobleme beim Mobbing ist ja gerade, dass viele Opfer ihre Lage erst dann erkennen, wenn sie schon völlig erschöpft am Boden liegen.

Kritik am Resilienz-Prinzip

Bei Resilienz wird davon ausgegangen, dass man die Verhältnisse als gegeben ansieht, sie akzeptiert und seinen Umgang damit findet. Einmal abgesehen davon, dass dies im Fall von Mobbing kaum funktionieren dürfte, gibt es noch grundsätzlichere Probleme.

Mit dem Resilienz-Ansatz erfolgt im Prinzip eine Individualisierung gesellschaftlicher Risiken. Man könnte dies auch formulieren als: "Jeder ist seines Glückes Schmied und für sich selbst verantwortlich". Spinnt man das ganze noch ein wenig weiter, ist man gedanklich im Wilden Westen...

Nun spricht man aber nicht umsonst bei gemobbten Menschen von Opfern. Insbesonder im betrieblichen Umfeld ist klar definiert, welche Fürsorgepflichten Arbeitgeber haben und welche gesellschaftlichen Werte und Normen einzuhalten sind(Stichwort: Die Würde des Menschen ist unantastbar).

Kommt es nun zu Mobbing am Arbeitsplatz und erfolgen keine korrigierenden Maßnahmen, dann hat der Arbeitgeber versagt (um es einmal ganz hart auszusprechen). Wenn das Opfer sich noch irgendwie selbst helfen kann, ist das sicherlich gut. Allerdings darf man bei Verletzung von Grundrechten schon erwarten, dass hier ein Rechtsstaat korrigierend eingreift (d.h. nicht auf Resilienz setzt).

Resilienz setzt auf die Vorbereitung auf Katastrophen / Krisen, um diese dann bewältigen zu können. Im Falle von Mobbing wäre es jedoch ingesamt besser, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt.

 

 

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