Mobbing als Chance

Mobbing als Chance zu sehen, klingt schon fast wie der pure Hohn. Wenn einen Mobbing trifft, gerät oftmals die eigene Welt komplett aus den Angeln. Es ist einem das passiert, was eigentlich nicht hätte geschehen dürfen. Die Vielzahl der einzelnen Mobbinghandlungen haben einen mit voller Wucht getroffen. Man liegt am Boden und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Und darin soll tatsächlich eine Chance bestehen?

Auf der Suche nach einem Sinn kommt man als Gemobbter immer weiter ins Grübeln. Die zunehmenden Selbstzweifel durch Mobbing führen zu einer weiteren Zermürbung. Es fühlt sich wie ein Teufelskreis an, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Nicht von ungefähr gehen laut Mobbingreport 15% aller Selbstmorde auf Mobbing zurück.

Mobbing ist eine schlimme Sache. Für die Betroffenen bedeutet es meistens eine sehr schwere Lebenskrise. Aber… irgendwie müssen wir durch all dieses Leid halt durch. Nur so können wir unser Leben wieder genießen.

Mobbing als Chance

Nach der obigen Einleitung mag es etwas komisch anmuten, Mobbing als Chance zu begreifen. Was soll daran auch noch gut sein, wenn einem so viel Leid angetan worden ist? Das kann einfach nicht gerecht sein…

Die Gerechtigkeitsfrage kann ich ebenso wenig wie die Frage nach dem Sinn des Mobbings für die Betroffenen beantworten. Wenn man zum Mobbingopfer wurde, hilft die Frage: „Warum gerade ich?“ nicht wirklich weiter. Die Dinge sind bereits geschehen. Man kann das erfahrene Leid nicht wieder rückgängig machen.

Aber… eine Krise sollte zumindest den Anlass zur Überlegung geben: „Wie komme ich da wieder heraus?“. Nachdem alles verarbeitet ist, kann man sich den Fragen nach dem Warum und den Sinn des Ganzen immer noch stellen (quasi als Preventätion).

Insofern ist Mobbing durch den unerträglichen Leidensdruck tatsächlich eine Chance, sich Veränderung zu stellen bzw. sich stellen zu müssen.

Den Blick wieder nach vorn richten

Ab einem bestimmten Punkt heißt es in jeder Krise: „So kann es nicht weitergehen!“. Diese Erkenntnis erlaubt es uns, unseren Blick auch wieder in die Zukunft zu richten. Was erwarten wir vom Leben? Wo wollen wir hin? Wofür wollen wir eigentlich leben?

Je unzufriedener wir mit unserem Leben sind, desto stärker wird die Bereitschaft, etwas zu verändern. Wenn zudem dann noch die Hoffnung gestorben ist, dass die Dinge von allein besser werden, erkennen wir auch wieder unsere (aktive) Rolle in dem Spiel. Wir sind aufgefordert etwas zu tun. Die magische Fee hilft uns in unserer Passiviät und vergangenheitsgerichteten Sichtweise einfach nicht mehr. Stattdessen lautet das Motto eher: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!“

Was willst Du aus Deinem Leben machen?

Als Kinder hatten wir oftmals eine sehr genaue Vorstellung, was wir im Leben erreichen wollten. Sei es Feuerwehrmann, Krankenschwester, Maler, ganz reich oder was auch immer zu werden. Wir waren begeistert von der Vorstellung, was wir aus unserer Zukunft machen können.

Ja und dann haben wir uns aus Angst oder gesellschaftlicher Konditionierung doch für die vermeintlich „sichere“ Alternative entschieden. Statt etwas zu tun, was unserer Leidenschaft oder Wesen entspricht, haben wir das sichere Studium mit sicheren Jobaussichten gewählt oder einfach das gemacht, was unsere Eltern uns empfohlen haben. Sie meinten es ja nur gut…

Durch Krisen stellen wir dann oftmals fest, dass wir auf unserem Weg durchs Leben die falsche Richtung eingeschlagen haben. Insofern kann man Mobbing als Chance sehen, den Kurs seines Lebens wieder zu korrigieren.

Bei Mobbing sagt uns der Mobber letztlich: „Du gehörst hier nicht hin!“. Damit muss er natürlich nicht zwingend recht haben. Warum sollten wir uns auch einfach so aus „unserem Revier“ verstoßen lassen. Allerdings bekommt die Sache einen ganz anderen Dreh, wenn andere Kollegen und vielleicht auch noch der eigene Chef den Mobber machen lassen. 

Wenn niemand etwas gegen Mobbing unternimmt und sich für das Opfer einsetzt, heißt das letztendlich, dass das Kollegium kein ernsthaftes Problem mit dem Ausscheiden des Gemobbten hat. Soll heißen, man ist wahrscheinlich (unverschuldet) fehl am Platz, wenn sich niemand für einen stark macht.

Das heißt nicht, dass man deswegen gleich gehen muss oder sollte. Aber es stellt sich die Frage, wie man mit diesen deutlichen Signalen umgehen will. Folgende Möglichkeiten gibt es:

Für seine Werte einstehen:

Im Leben gibt es jede Menge Prüfungen. Unter diesem Gesichtspunkt kann man Mobbing als Chance in Form einer Reifeprüfung verstehen, was einem die eigenen Werte wirklich wert sind. 

Bei Sonnenschein kann jeder lachen und seine edlen Werte hochhalten. Es ist jedoch etwas anderes, selbst in einer tiefen Lebens- und Sinneskrise noch für seine Ideale einzustehen. Mobbing ist ein Angriff auf die menschliche Würde. Ist einem diese jedoch sehr wichtig, kann man in solchen Fällen einmal zeigen, was man drauf hat.

Bei diesem Ansatz wird Mobbing als Chance im Sinne einer Herausforderung gesehen, sich gegen all die Schikanen und Demütigungen zu wehren. Es gilt, trotz der eigenen Schwäche dem „Dreckshaufen“ um einen herum die Stirn zu zeigen. Ganz nach dem Motto „Von Euch Ar…l…ern lass ich mich nicht unterkriegen!“

So ein Kampf wird natürlich extrem kräftezehrend sein. Und klar, man kann ihn auch verlieren. Denn Mobbing kann selbst die gestandensten Persönlichkeiten umhauen. Selbst unserem ehemaligen ehrwürdigen Horst Köhler wird nachgesagt, dass er letztlich aus seinem Amt gemobbt wurde (weil er da als Nicht-Politiker einfach nicht herein passte).

Aber… wenn man tatsächlich all den Mobbinghandlungen Stand hält und für sich das beste herausholt, dann gibt es vom Leben ein paar Eier aus Stahl. Davon hat man zwar nur ganz allein etwas von. Das Selbstbewusstsein, was man danach ausstrahlt, dürfte es wahrscheinlich wert sein.

Die Gesundheit wieder zur höchsten Priorität machen

Wie heißt es so schön: „Ohne Gesundheit ist alles nichts“. Diesen Spruch begreift man wahrscheinlich erst dann so richtig, wenn es einem mal wirklich schlecht geht und keine Aussicht auf baldige Besserung besteht.

Eigentlich ist es schon Wahnsinn genug, dass sich Millionen von Menschen in Deutschland täglich zur Arbeit quälen, sich von Vorgesetzten herumkommandieren lassen und ihre Arbeit nur noch mit Langweile oder gar Groll irgendwie bewältigen. Wo bleibt der all der Spaß, den wir als Kinder, Schüler, Azubis oder Studenten hatten?

Das Üble daran ist, dass wir bei all dem auch noch mitmachen. Noch schräger ist, dass wir uns über Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und allen anderen stressbedingten Krankheiten auch noch wundern, warum uns so etwas wiederfahren ist. Um uns herum nur unglückliche Leute… und wir wundern uns, warum wir krank werden. Was machen wir denn schon so großartig als all die anderen.

Ich will damit das Arbeitsleben nicht verteufeln. Es gibt durchaus Leute, die mit ihrer Arbeit sehr glücklich und zufrieden sind. Hierbei handelt es sich um Menschen, die den richtigen Platz für sich selbst gefunden haben (und sei es manchmal durch schlichtes Glück).

Wenn wir nun jedoch völlig am Boden liegen, kann Mobbing als Chance gesehen werden, sein Leben wieder auf die essentielle Gesundheit auszurichten. Wenn uns ein Umfeld krank macht und wir das Umfeld nicht ändern können, müssen wir da eben weg.

Das mag jetzt sehr einfach klingen. Aber will man dem Leben einen Sinn geben, könnte Mobbing als Chance im Sinne eines Warnsignal des Lebens gesehen werden, dass es so eben nicht weitergehen kann. Daraus brauchen wir nicht einmal ein Drama zu machen. Wir verlaufen uns häufiger im Leben und sind völlig verzweifelt. Rückblickend sieht dann alles nicht mehr so schlimm aus, da wir die Kurskorrekturen ja in der Regel irgendwie gemeistert haben.

Mit der Entscheidung „Ich gehe da weg, meine Gesundheit ist mir wichtiger!“ braucht man sich nirgends zu entschuldigen. Es zeigt halt ganz deutlich, was einem im Leben wirklich ist. Und von einer solchen Entscheidung kann sich so manch einer eine Scheibe Respekt abschneiden.

Geordneter Rückzug für Zuwendung zu den eigentlichen Lebenszielen

Späte Erkenntnis ist besser als gar keine Kenntnis. Oder anders gesagt, ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Unter diesem Gesichtspunkt kann man Mobbing als Chance verstehen, zu seinen eigentlichen Lebenszielen wieder zurück zu finden.

Der Anteil derer, die etwas nur deswegen studieren oder lernen, um mal einen guten Job zu bekommen ist nicht gerade gering. Wen wundert es da, dass das Leben uns mal einen Hinweis gibt, dass wir doch eigentlich ganz woanders hinwollten?

Man muss deswegen nicht spirituell oder gottesgläubig sein. Wenn unsere Leidenschaften und Fertigkeiten nun einmal auf einem anderen Gebiet liegen, dann müssen wir uns für das Funktionieren in anderen Gebieten durchaus verbiegen. Und man kann nur so lange biegen, bis es irgendwann einmal knirscht oder etwas bricht. Der eine oder andere Vogel mag zwar mit Mühe schnell laufen können, aber fliegen kann er deutlich besser und damit seine Wegstrecke im Leben durchaus vergnügter und weniger angestrengt bewältigten.

Sollte man zu der Feststellung gekommen sein, dass der Job letztlich nur zum Broterwerb und / oder Statuserwerb genutzt wird, kann man den Sinn seines Lebens durchaus einmal hinterfragen.

Das Leben ist endlich, auch wenn das nur die wenigsten wahrhaben wollen. Es kann schon morgen vorbei sein. Das wollen wir nicht glauben und handeln so, als gäbe es keine Lebensrisiken. Einfach Beispiele hierfür: Wir sparen all unser Geld, damit wir uns später (in einigen Jahren) einmal einen Traum verwirklichen. Oder aber wir nehmen uns vor, den ungeliebten Job noch 10 Jahre zu machen und uns dann zur Ruhe zu setzen. Mit anderen wir nehmen all das Leid für eine vermeintlich rosigere Zukunft in Kauf. Dafür gibt es ebenso wenig eine Garantie wie für unsere morgige Gesundheit. Unverhofft kommt leider zu oft...

Durch die Mobbinghandlungen erhalten wir mitunter ein deutliches Signal, dass wir nicht nur „fehl am Platz“ sondern auch in einer bisher noch nicht gekannten Umfang psychisch verwundbar sind. Durchhalteparolen und das Hoffen auf eine bessere Zukunft erweisen sich durch das Mobbing als Illusion. Das Luftschloss ist geplatzt.

Insofern kann Mobbing als Chance verstanden werden, einen aus diesen Illusionen wieder in die Nüchternheit wach zu rütteln. Was wollten wir denn nun eigentlich aus unserem Leben machen…. Was war das nochmal?

Ich will damit nicht sagen, dass man auf einmal Feuerwehrmann oder Lokführer werden sollte. Ab einem gewissen Alter wird der Zug dafür sprichwörtlich abgefahren sein. Aber man kann seine Talente und Werte hinterfragen und sich einen anderen Job / Branchen oder Arbeitgeber suchen, der mit dem, was man wirklich will, eine deutlich größere Übereinstimmung hat.

Bewältigung des Mobbings

Natürlich möchte man sich gegen Mobbing zur Wehr setzen und dieses Unrecht nicht ungestraft passieren lassen. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat. Unsere Würde steht unter dem Schutz des Grundgesetztes. Dennoch ist es leider so, dass Mobbing schwer zu beweisen und Schadensersatzforderungen nur schwerlich durchzusetzen sind. Für den Arbeitgeber hat Mobbing in der Regel nur wenig bis gar keine Konsequenzen.

Mit diesen Statements will ich nicht etwa entmuntern, sondern lediglich eine realistische Perspektive in die Problematik bringen. Mit anderen Worten, es lohnt sich durchaus zu kämpfen. Aber man sollte sich für seinen Kampf Grenzen setzen. Durch Mobbing ist man bereits geschwächt und jede Kampfhandlung wird zu weiterer Schwächung führen. Wenn man nicht aufpasst, droht man gar sich in seinem Kampf gegen Mobbing selber völlig zu zermürben.

Ab dem Punkt, an dem man Mobbing als Chance betrachtet, kann man sich eine Strategie zurecht legen. Weiß man erst einmal, wohin man im Leben will, kann man sich die Route zusammenstellen. Mit anderen Worten:

  • Wie lange willst Du kämpfen?
  • Wie lange bist Du finanziell abgesichert (Ersparnisse, Ansprüche Arbeitslosengeld)?
  • Wo hast Du Verbindungen, Beziehungen?
  • Wie lange willst Du Dir Abstand für Deine Heilung gönnen?
  • Wo willst Du Dich bewerben oder willst Du Dich in Selbstständigkeit probieren?

Sobald Du eine Vorstellung hast, wie Du Dein Leben gestalten willst und nach diesen Vorstellungen dann auch wirklich handelst, wird Dein Leben wieder in bessere Bahnen finden. Natürlich wäre es falsch auf ein Wunder über Nacht zu hoffen.

Ab dem Punkt, wo es wieder mehr glücklich Zufälle im Leben gibt, bist Du wieder auf dem richtigen Weg. Irgendwie fügen sich die Dinge doch immer wieder.

Wenn ich meine Vergangenheit so betrachte, dann gab es auch in meinem Mobbingfall genügend Anzeichen, dass ich dort nicht hingehörte. Lange Zeit wollte ich nicht hören. Lange Zeit befand ich mich in einer Abwärtsspirale. Aber… ab dem Punkt, an dem ich wieder Klarheit hatte, was ich will und danach handelte, wurde das Leben wieder zum Vergnügen.

Ach wenn man alles so einfach wäre….

 

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